Diesen Monat begleiten wir Dalila dabei, wie sie ihre erste Begegnung mit einer der traditionellsten Kunstformen der japanischen Kultur hat: Shodō.

Nun, ich muss zugeben, dass die Schrift in Japan meiner erster Kontaktpunkt war. Ich war gerade im Land der aufgehenden Sonne angekommen: Immer noch leicht benebelt vom Jetlag, verließ ich mein Hotel und hatte nur ein Ziel: ein Restaurant zu finden, um meinen Hunger zu stillen – und plötzlich tauchte ich in die Kunst von Shodō ein.

In einem kleinen Straßenrestaurant bestelle ich von der zweifellos schönsten Speisekarte, die ich jemals gesehen habe: handgeschrieben und mit filigranen Buchstaben. Es scheint, als würden sie die Feinfühligkeit des Besitzers widerspiegeln.
Ich blättere mehrmals durch die kleine Speisekarte: Es gibt dunkele, fett gedruckte Schriften, andere filigrane werden mit einem Farbstift fortgesetzt. Ich bewundere die künstlerische Zeichnungen von Karotten, Sushi oder Cocktails im europäischen Stil. Unter den Gerichten finde ich Abbildungen von Bäumen und Blumen. Symbole, die für die wunderbare orientalische Natur stehen.
Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung zwischen Japan und der Schrift. Es gibt tatsächlich 3 verschiedene Alphabete in Japan: Kanji, Hiragana und Katakana.

Kanji war die erste Sprache, die die Übernahme des chinesischen Alphabets durch Japan darstellt, das ursprünglich kein Schriftsystem hatte. Japanisch war in der Tat eine rein mündliche Sprache.
Die chinesischen Ideogramme passten jedoch nicht ganz in die japanische Sprache: Grammatikalische und syntaktische Unterschiede machten es unmöglich, genau den gleichen Sinngehalt ohne weitere Zeichen zu schaffen.
So wurden Hiragana und Katakana geboren; Alphabete, die aus Zeichen bestehen, die phonetisch den Silben entsprechen, aus denen die japanische Sprache besteht.

Das Hiragana-Alphabet, das durch geschwungene und kursive Zeichen gekennzeichnet ist, wird für Wörter benutzt, für die kein Kanji verfügbar ist oder im Alltag nicht gebräuchlich sind sowie für grammatikalische Elemente wie Partikel, Hilfsverben und Verb-Endungen.

Die Katakana-Schrift, mit geraden Linien für scharfkantige Formen, wird stattdessen bei ausländischen oder fachsprachlichen Wörtern verwendet sowie für das Hervorheben einzelner Wörter.

Schlussendlich ist es Kanji, auf das sich die alte japanische Kunst, Shodō, bezieht. Der Begriff Sho Do bedeutet wörtlich den Weg (Do) des Schreibens (Sho). In der asiatischen Kultur stellt der Begriff „Weg“ einen Weg des inneren Wachstums dar. Dieser Weg soll es uns ermöglichen, die Welt um uns herum besser kennenzulernen und einen höheren Grad an Harmonie mit uns selbst zu erlangen.
In dieser Kultur entwickelt sich das Wachstum durch ständiges Lernen und Verbessern – ohne dabei die Schlichtheit und Schönheit zu vergessen. Im Falle des Schreibens entspricht dies der richtigen Balance zwischen den Grundelementen: Linie, Form und Raum.
Linien zu beherrschen bedeutet, die Wahrnehmung zu trainieren, denn sie repräsentieren Gefühle und Stimmungen. Formen und Räume um sie herum stellen die grafische Schlussfolgerung dar, die von Ereignissen in unserem Leben geprägt sind.

Die Kunst der japanischen Zeichen zeigt also die innere Entwicklung des Einzelnen.

Und sofort steuern meine Gedanken in den Westen, den ich doch gerade erst verlassen habe: Trotz des Komforts, den die alphanumerische Tastatur bietet, ist nicht eher die Kalligraphie die einfachste Art sich auszudrücken?